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Schweiz

Offizielle Amtssprache: Deutsch, Französisch, Italienisch

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In den deutschsprachigen Gebieten dient Deutsch (mit Schweizer Besonderheiten) nur als Hochsprache. Im Alltag, teilweise einschl. der Medien, kommen ausschließlich alemannische Dialekte zum Einsatz. Die Umgangssprache in der deutschen Schweiz ist also stark regional differenziert. Allerdings handelt es sich nicht immer um "reine" ererbte Dialekte. In den letzten Jahrzehnten gibt es Ausgleichsprozesse, die in Richtung einer allgemeinschweizerischen Koine zu laufen scheinen. Dabei laufen die Prozesse mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Außerdem scheint es zwei Koines zu geben: eine mit Zentrum Bern und eine mit Zentrum Zürich. Dabei basiert die berndeutsche Koine vor allem auf der Sprache der Stadt Bern, während in Zürich verschiedene Einflüsse zusammenkommen und nicht immer die ursprünglich zürichdeutsche Form in die Koine einfließt. Das Ergebnis nennt man dann Zürichdeutsch oder einfach Schweizerdeutsch; letztere Bezeichnung ist vor allem im Kanton Zürich selbst gebräuchlich.

Die berndeutsche Koine "regiert" im Kanton Bern, Teilen Solothurns, im deutschen Teil Freiburgs, im gesamten Kanton Bern und dem äußersten Westen des Aargau. Eine Rolle spielt sie auch im Wallis, aber vornehmlich unter Auswanderern, deren Hauptziel Bern ist. Die östlich anschließenden Gebiete sind Einflußgebiete der Koine. Die "zürichdeutsche" Koine beherrscht die übrige Schweiz außer dem Wallis und Graubünden, ist aber schwächer in der Innerschweiz und hat verschiedene regionale "Unterkoines". Für beide Koines gilt aber, daß sie ein Gravitätszentrum darstellen, in keinem Fall aber eine eindeutig faßbare Sprachform. Man spricht ein Kontinuum zwischen einem ererbten Dialekt und der jeweiligen Koine. Beide Koines sind stark vom Hochdeutschen beeinflußt, und zwar in Grammatik und Phraseologie, nicht aber in Phonologie und wenig in Morphologie. Man bleibt in bezug auf Phonologie einschl. der historischen Phonologie beim ererbten Dialekt, während vor allem in Phraseologie und Wortschatz das Hochdeutsche in Koine-Form vorherrscht, vor allem bei selteneren Vokabeln. So sagt jemand, der aus einer Region kommt, in der man "töif" für "tief" sagt, in der Regel immer "töif" (zürichdeutsche Form: "tüüf"), während Wörter wie "Hirz" und "Binäätsch" im älteren Zürichdeutschen heute nicht mehr verstanden werden, sondern durch "Hirsch" und "Spinaat" ersetzt werden (mit Anfangsbetonung).

Das Wallis und Graubünden stellen einen Sonderfall in der Deutschschweiz dar, da sie nicht an einer Koine teilhaben, sondern zwischen Kommunikation mit Kantonsgleichen und "Außerschweizern", also Alemannen der übrigen Schweiz, unterscheiden. Wo ihre Sprache sich verändert, kommen sie in der Regel direkt aus dem Hochdeutschen, damit auch Wörter, die es in den Koines nicht gibt, wie z.B. "Frühstück" im Wallis, das älteres "Etnüechteru" verdrängt, aber kaum mit dem seltenen "Zmorgund" konkurriert. In der übrigen Schweiz wird "Frühstück" als fremd und höchstens schriftsprachlich akzeptabel empfunden.

Dialekte bzw. Koine dienen sogar in der Regel als Unterrichtssprache an den Schulen - allerdings ist offizielle Unterrichtssprache Hochdeutsch, und es gibt immer wieder Erlasse in einzelnen Kantonen, diese durchzusetzen, meist mit mäßigem Erfolg. Die Bezeichnung Schweizerdeutsch als zusammenfassende Bezeichnung für die alemannischen Dialekte der Schweiz ist insofern irreführend, als es keine eigene Sprache im Gegensatz zum (Bundes-)Deutschen ist, sondern eine Bezeichnung für die Dialekte des Alemannischen, die innerhalb der Schweizer Grenzen gesprochen werden. Sie stellen keine eigene Sprache gegenüber den verwandten Dialekten in den Nachbarländern dar. Das Alemannische allerdings kann sinnvoll als eigene Sprache betrachtet werden; es wird in der Schweiz, Baden-Württemberg, Westbayern, dem Elsaß, Liechtenstein und Vorarlberg (Österreich) gesprochen.

Im Gegensatz zu den alemannischen Gebieten in Deutschland und Österreich gibt es zwischen den Dialekten und der Hochsprache kein Kontinuum. Man spricht in schriftsprachlichen Kontexten entweder auch Dialekt/Koine oder ein Hochdeutsch, das sich immer mehr am bundesdeutschen Mediendeutsch orientiert, dabei aber einige Besonderheiten behält, so im Wortschatz und z.B. der Beibehaltung der Schwas in Endungen (also schweigen statt dt. schweign). Damit ähnelt das moderne Schweizerhochdeutsch einer überdeutlichen Sprache in Deutschland. Da überdeutliche Sprache in der Regel eine besondere Funktion hat - man benutzt es z.B. im Umgang mit Menschen, von denen man glaubt, sie hätten Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache, sind Deutsche von dieser Sprachweise meist irritiert. Das Schweizerhochdeutsche ist nämlich auch die Sprache der Wahl von Schweizern, wenn sie mit Nicht-Schweizern kommunizieren.

Die französisch- und italienischsprachigen Gebiete sind heute Domänen des jeweiligen Standards (früher: frankoprovenzalisch in der welschen (=französischsprachigen) Schweiz, französische Dialekte im Jura, lombardisch im Tessin). Eine Sonderstellung nimmt Graubünden ein. Hier sind die ererbten Dialekte gar nicht von der Standardsprache, sondern nur vom Schweizerdeutschen bedroht. Man benutzt in der deutschen Schweiz gerne den Ausdruck welsch für die französischsprachige Schweiz, seltener auch als Ausdruck für die italienischsprachige. Der Kanton Graubünden ist dreisprachig deutsch, italienisch und rätoromanisch; Rätoromanisch ist eine zusammenfassende Bezeichnung für untereinander sehr verschiedene und eine inter-"dialektale" Verständigung nicht gewährleistende romanische Dialekte oder besser Sprachen. Hinzu kommt, daß es keine wirklich allgemein akzeptierte einheitliche Schriftsprache gibt. Rätoromanisch ist offiziell eine der vier "Landessprachen" der Schweiz, es ist aber nicht Amtssprache.

Einwanderer aus zahlreichen Ländern, vor allem Italien, leben im Land; sie erhalten nur schwer die Staatsbürgerschaft und haben oft nur befristete Aufenthaltsgenehmigungen. Einwanderer in die Deutschschweiz, auch aus der romanischen Schweiz, sprechen in der Regel auch nach Jahren die Hochsprache, lediglich die «unteren» Schichten sprechen Schweizerdeutsch oder persönliche Ausgleichsdialekte zwischen Hoch- und Schweizerdeutsch.

Nachkommen von Binnengewanderten sprechen meist den Dialekt der Region, in der sie aufgewachsen sind.

Die folgende Darstellung der einzelnen Kantone betrachtet für die deutsche Schweiz nur die Erbdialekte, nicht das Problem von Koine und dem Verhältnis von Erbdialekt und Koine. Von den zahllosen Sprachen von Einwanderern nennt der Ethnologue die folgenden: Assyrian Neo-Aramaic, Catalan-Valencian-Balear, English, Iu Mien, Kirmanjki, Kurmanji 13,000, Portuguese 86,000, Serbo-Croatian 142,000, Spanish 117,000, Tai Nüa, Tibetan 200, Turkish 53,000, Yeniche, Western Yiddish. Die Liste ist wohl als willkürlich zu betrachten, da aus fast allen Ländern Einwanderer im Land sind - wie überall in Westeuropa. Die wichtigsten Einwanderergruppen sind wohl Deutsche, Italiener, Portugiesen, Süd-Slawen, Spanischsprecher und Tamilen.

Geschichte

In vorrömischer Zeit teilte sich das Land in einen keltischsprachigen und einen rätischsprachigen Teil. Nach einer Theorie soll das Rätische eine semitische Sprache sein. In Wahrheit ist das Rätische aber zu unbekannt, um es sicher einordnen zu können. Das Rätische herrschte im Osten vor, das Keltische im Westen. Grenze könnte die Aare gewesen sein. Diese Grenze teilt zumindest später den burgundischen vom alemannischen Teil. Allerdings wurden in späterer Zeit die Räter wohl teilweise keltisiert.

In römischer Zeit wurden beide Völker allmählich romanisiert. Es entstanden galloromanische und (ebenfalls zum Galloromanischen tendierende) rätoromanische Dialekte. In der Völkerwanderungszeit wurde die ganze Schweiz Teil des Herrschaftsbereichs germanischer Völker, und zwar der Alemannen im Osten und der Burgunder im Westen. Der Süden geriet in den Sog der italienischen Germanenstaaten wie dem Ostgotenreich. Die Burgunder wurden meist romanisiert, übernahmen das Galloromanische, die Alemannen romanisierten die ortsansässigen Kelten bzw. Räter. Dabei wurden allerdings nur die Gebiete alemannisiert, in die auch Alemannen einwanderten. Hier gab es regionale Unterschiede. Die Alpenregionen wurden teilweise erst spät von Alemannen besiedelt: das Berner Oberland erst im 7. Jh., das (Ober-)Wallis erst im 9. Jh. Auch mitten im alemannischen Gebiet mögen sich romanische Sprachinseln gehalten haben; so gibt es Forscher, die Pratteln bei Basel für eine solche halten, weil die hochdeutsche (und alemannische) Lautverschiebung im Ortsnamen nicht durchgeführt wurde; das würde darauf hindeuten, daß sich das Alemannische hier erst im 7. Jh. durchgesetzt habe.

Die Sprachgrenze kam schließlich westlich der vormaligen burgundisch-alemannischen Grenze zum Stehen, der äußerste Osten der Burgunder wurde auch alemannisiert. Der Begriff "Burgund" umfaßte später auch noch östlichere Gebiete, da durch die Teilung des fränkischen Reiches ein Königreich Burgund entstand, das nicht mit den alten Stammesgrenzen übereinstimmte.

Bei den Rätern gelang den Alemannen die Germanisierung zunächst nicht so gut, noch im Hochmittelalter waren weite Teile des heutigen Kantons St. Gallen rätoromanisch, ebenso ganz Graubünden. St. Gallen wurde im Hochmittelalter allmählich alemannisiert, danach erfaßte das Alemannische in zwei Bewegungen auch Teile Graubündens. Die eine kam aus dem Wallis, die andere aus dem frisch alemannisierten Norden. Bis ins 19. Jh. blieb das Alemannische allerdings die Sprache einiger Sprachinseln, die deutlich in bündnerdeutsche und walserdeutsche getrennt geblieben sind. Seitdem dringt das Alemannische weiter vor, die neu alemannisierten Gebiete übernehmen meist Bündnerdeutsch.

Als Schriftsprache diente seit der Römerzeit Latein. Im Hochmittelalter begann eine Bewegung zu kleinräumigeren Sprachen. Dabei übernahmen die burgundischen Gebiete schnell das Pariser Französisch, während sich in den alemannischen Gebieten zunächst die oberdeutsche Schriftsprache durchsetzte, wobei aber in frühneuhochdeutscher Zeit (ab ca. 1400/1500) die oberdeutsche Schriftsprache der Schweiz einige Neuerungen (Diphthongierung) nicht mitmachte und dadurch ein Eigenleben entwickelte. Nach der Reformation wurde das Oberdeutsche allmählich durch das heutige Hochdeutsche ersetzt, abgeschlossen war dieser Prozeß aber erst im 18. Jh. Dabei behielten die ganze Zeit über auch die Oberschichten im alemannischen Raum als Umgangssprache ihren lokalen Dialekt bei. Lediglich zwischen dem 17. und 18. Jh. gab es Schichten, die Französisch sprachen, vor allem im burgundischen Teil des alemannischen Raums, also in den Kantonen Bern und Freiburg.

Erst im 19. Jh. begann eine Veränderung im Sprachgebrauch im alemannischen Raum, zunächst in Richtung auf ein Gemeinschweizerdeutsch (am deutlichsten wurde dies am Schaffhauserdeutsch, bei dem die Verbindung zu den umliegenden ennetrheinischen hochalemannischen Dialekten abgebrochen und eine vorher weniger bestehende Verbindung zu den südlich des Rhein gesprochenen Dialekten hergestellt wurde). Am Ende des 19. Jh. gab es unter den Bürgerschichten eine Bewegung zum Hochdeutschen, die mit Ende des Ersten Weltkriegs zum Erliegen kam und im Zweiten Weltkrieg gänzlich zur älteren Entwicklung zu einem Schweizerdeutsch zurückkehrte. Dabei gab es zunächst mehrere regionale Zentren, die später durch das gemeinsame Zentrum Zürich abgelöst wurden, zuletzt in Basel, in der die Entwicklung zum Gemeinschweizerdeutsch noch in den Anfängen steckt. Allerdings hat sich Bern als zweites Zentrum von allerdings nur regionaler Bedeutung (Kantone Bern, Freiburg, Süd-Solothurn, West-Aargau) bis heute gehalten. Die Entwicklung zum Gemeinschweizerdeutsche ist allerdings insgesamt noch nicht so stark, daß regionale Unterschiede nicht beim ersten Wort ins Ohr fallen würden.

Im frankoprovenzalischen und französischen Raum begann die Oberschicht bereits im 17. Jh., Französisch als Umgangssprache einzuführen, zunächst in den protestantischen Städten. Dieser Prozeß erreichte im 20. Jh. die katholischen ländlichen Nicht-Oberschichten. Heute bewahrt sich das Frankoprovenzalische nur noch in Teilen des Wallis und einigen Landgemeinden das Kantons Freiburg, burgundisch-französische Dialekte nur in der Ajoie/Elsgau (Kanton Jura).

Das Tessin bewahrte lange das Lateinische als Schriftsprache, teilweise wurde auch Deutsch als Schriftsprache benutzt, da das Tessin ja Untertanenland war. Die Dialekte hielten sich bis ins 20. Jh., sie sind auch noch nicht ganz ausgestorben. Bei Rätoromanen und Bündnerlombarden konkurrierte meist das Deutsche mit dem Lateinischen, erst in jüngerer Zeit sind die Bündnerlombarden zum Italienischen als Schriftsprache übergegangen, wobei sie als Umgangssprache zum großen Teil das Lombardische behalten. Rätoromanische Sprachen haben immer einen untergeordneten Status als Schriftsprache behalten, auch in jüngster Zeit, obwohl vor einigen Jahrzehnten eine künstliche gesamt-rätoromanische Schriftsprache geschaffen wurde, das Rumantsch Grischun, das aber kaum angenommen wird.

Im Bergell wurde neben Latein Deutsch als Amtssprache benutzt, bis die Reformation einsetzte. Die Reformatoren kamen hier aus Italien. Sie führten die italienische Schriftsprache ins Bergell ein; dadurch wurde auch das Bergallot, an sich schon ein Übergangsdialekt zwischen Rätoromanisch, genauer Oberengadinisch und Lombardisch, stärker lombardisch beeinflußt.

Fritz René Allemann (51985): 26mal die Schweiz (Serie Piper, Panoramen der Welt), München/Zürich: Piper.
Sendung "die vielsprachige Schweiz" auf 3SAT, Nov. 2007.
Rudolf Hotzenköcherle (1984): Die Sprachlandschaften der deutschen Schweiz (Sprachlandschaft; Bd. 1), Aarau : Sauerländer.