Offizielle Amtssprache: Deutsch
Einheimische Umgangssprachen: ·Hochdeutsch, [Westfälisch, Niederrheinisch], Rheinisch/Siegerländer Platt/Wittgensteiner Platt/(Pfälzisch)
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Nordrhein-Westfalen ist ein Kunstprodukt der englischen Besatzungszeit. Es besteht aus dem fränkischen nördlichen Rheinland und der ehemaligen preußischen Provinz Westfalen (sowie dem Land Lippe), zu der auch noch das Siegerland gehörte, in dem eine moselfränkische Mundart gesprochen wird, das sog. »Siegerländer Platt«, und das Wittgensteiner Land, in dem Hessisch gesprochen wird.
Essen gehört zum Landschaftsverband Rheinland, ist aber westfälisch. Es wird unter Westfalen-Lippe behandelt.
In der Antike gehörte der Landesteil Rheinland zum keltischen Sprachraum, ab 50v.Chr. zum Römischen Reich. Westfalen war germanisches Siedlungsgebiet, durch die Schlacht am Teutoburger Wald (9n.Chr.) unmittelbar nördlich des heutigen NRW endgültig frei von Versuchen der Römer, ihre Herrschaft auf das Gebiet auszudehnen. In der Spätantike fiel das Rheinland an die Franken. Die Bevölkerung floh teilweise, teilweise wurde sie germanisiert. Franken wanderten ein. Im heut. Landesteil Westfalen-Lippe wurden die verschiedenen germanischen Stämme nach und nach Teil eines neuen germanischen Großvolks, der Sachsen.
Die Grenze zwischen den beiden Landesteilen wurde bzw. blieb eine Kulturgrenze zwischen traditionell-germanischen Sachsen im Norden (Ende des 8. Jhs. von den Franken erobert und dann christianisiert) und bald christlichem Frankenreich. Diese Kultur- und politische Grenze blieb auch nach der fränkischen Eroberung Sachsens bis 1945 bestehen.
Westfalen
Im sächsischen Teil siedelte der Teilstamm der Westfalen (deren Siedlungsgebiet auch das heut. westliche Niedersachsen umfaßte). Diese waren wohl durch Aufgehen anderer Stämme in den Sachsen entstanden. Im Westmünsterland ist noch die Erinnerung an die vorsächsischen Brukterer lebendig. Nach der fränkischen Eroberung wurden Franken angesiedelt, die sich aber sprachlich assimilierten. Das fränkische Superstrat veränderte aber das Sächsische. Im Laufe der Jahrhunderte entstand aus dem fränkisch beeinflußten Altsächsisch das Mittelniederdeutsche. Die Gegend um Münster wurde dabei zum Zentrum einer Neuerung, die die westfälischen Dialekte entstehen ließ. Sie stechen vor allem durch die häufigen Diphthonge hervor. In den Randzonen wie dem Sauerland und den niedersächsischen Teilen Westfalens fand die Entwicklung schwächer statt, im Zentrum um Münster sowie in leicht anderer Form in Ostwestfalen am ausgeprägtesten. Auf dieser Grundlage machten die Dialekte im Westmünsterland, in Südwestfalen und den heute niederländischen Teilen Westfalens eine weitere Neuerung durch. Viele Diphthonge (die aus langen Vokalen entstanden waren) wurden um ein Element gekürzt, sodaß kurze Vokale entstanden (z.B. `essen', im übrigen Niedersächsischen ääten oder eeten, westfälisch iäten, westmünsterländisch ätten).
Das Westfälische blieb bis ins 20. Jh. allgemeine Umgangssprache in Westfalen. Allerdings begann im 19. Jh. unter den Oberschichten der größeren Städte eine Übernahme des Hochdeutschen als Umgangssprache. Dieses fußte in der Aussprache auf der Mischung des bisherigen obersächsischen Standards mit dem Ostfälischen, wo die Bewegung begonnen hatte. Dieses Hochdeutsch blieb allerdings westfälisch beeinflußt. Gegen Ende des 19. Jhs. begann man auch in übrigen Schichten der großen Städte, das Westfälische zugunsten das Hochdeutschen aufzugeben. In Münster war kam zu dieser Bewegung noch ein rotwelsches Substrat hinzu, Masematte genannt. Dieses konnte bis Ende des 20. Jhs. und teilweise bis heute einen Einfluß im Wortschatz des Münsteraner Hochdeutschen bewahren. In den unteren Schichten war insgesamt das westfälische Substrat stärker. Das erste Gebiet, in dem die Unterschichten das Hochdeutsche übernahmen, war das Ruhrgebiet (bzw. dessen westfälischer Teil); dieses war hochgradig urbanisiert, außerdem gab es aufgrund der Bergbauindustrie sehr viel Einwanderer in der Region. Dort war das westfälische Substrat so stark, daß ein neuer Dialekt des Hochdeutschen entstand, das sog. Ruhrdeutsch. Im Ruhrgebiet hat sich dieses Ruhrdeutsch gegenüber dem Westfälischen in den 60er Jahren endgültig durchgesetzt. Heute gibt es wohl noch Westfälischsprecher im Ruhrgebiet, diese benutzen ihre Kenntnisse aber nicht mehr.
Eine Besonderheit des Ruhrgebiets ist, daß das Westfälische in der jüngeren Generation sogar aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt wurde. Dies zeigt sich bei einem Blick durch örtliche Buchhandlungen. Während sogar in Hannover, wo das Niedersächsische ebenfalls ausgestorben ist, noch Bücher über Ostfälisch zu finden sind, gilt dies z.B. in Dortmund (westfälisch: Düörpen) für das Westfälische nicht mehr. Die Literatur behandelt nur noch das Ruhrdeutsche.
In den ländlichen Regionen Westfalens konnte sich das Westfälische teilweise bis in die 70er Jahre als allgemeine Umgangssprache halten. Unter den Generationen, die nach 1970 geboren sind, gibt es aber praktisch keine Muttersprachler mehr. Unter den Jüngeren sind auch passive Plattdeutschkenntnisse nicht mehr zu erwarten.
Schriftsprache war in Westfalen bis ins 17. Jh. Latein und Mittelniederdeutsch. Viele westfälische Städte waren Mitglied der Hanse. Das westfälische Mittelniederdeutsch war durch ein westfälisches Substrat gekennzeichnet, im allgemeinen folgte man aber dem Lübecker Standard. Im 17., teilweise schon im 16. Jh. wurde das Mittelniederdeutsche durch das von Luther geprägte Neuhochdeutsche ersetzt (obwohl die Mehrheit Westfalens katholisch ist). Lediglich in der Grafschaft Steinfurt (heute Stadtteil Burgsteinfurt der Kreisstadt Steinfurt), die reformiert wurde, sowie in der Grafschaft Tecklenburg (heute Altkreis Tecklenburg) trat Niederländisch an die Stelle des Mittelniederdeutschen. Um die Wende zum 20. Jh. gab man allerdings auch in Burgsteinfurt und Tecklenburg das Niederländische zugunsten des Hochdeutschen als Schriftsprache auf.
Niederrhein
Am Niederrhein wurde seit der fränkischen Eroberung im 4. Jh. fränkisch gesprochen. Dabei gehört seit der hochdeutschen Lautverschiebung das Niederrheinische zum Niederfränkischen, also zu den fränkischen Dialekten, die die hochdeutsche Lautverschiebung gar nicht durchgeführt haben. Das Niederfränkische hat sich vom übrigen Fränkischen im Mittelalter so weit entfernt, daß es heute als eigene Sprache betrachtet wird. Weite Teile des heute niederfränkischen Sprachgebiets in den Niederlanden waren ursprünglich friesischsprachig (vor allem Holland). Das friesische Substrat hat das Niederfränkische stark beeinflußt, auch in den ursprünglich nicht-friesischen Gebieten. Der Niederrhein war integraler Bestandteil des niederfränkischen Sprachgebiets und hat auch einen Teil dieser Einflüsse übernommen. Das schriftsprachliche Zentrum des Niederfränkischen lag im Mittelalter in Flandern und Brabant (heute Belgien); diese Phase wird als Mittelniederländisch bezeichnet. Mit Beginn des 80jährigen Krieges Ende des 16. Jhs. wanderte dieses Zentrum nach Holland, also in das ursprünglich friesische Gebiet. Seit dieser Zeit spricht man vom Neuniederländischen; der Standard ist hauptsächlich Holländisch, er hat aber vor allem im gelehrten Wortschatz eine Reihe von flämischen und brabantischen Elementen behalten. Diese Sprache war Schriftsprache am Niederrhein, und sie beeinflußte die niederrheinischen Dialekte.
In der frühen Neuzeit kamen viele Siedler, vor allem aus der Pfalz, an den Niederrhein. Die meisten assimilierten sich sprachlich schnell, doch konnte sich um Kleve in drei Dörfern bis heute eine pfälzische Sprachinsel halten.
Ab 1815 gehörte der Niederrhein in der heutigen Form zu Preußen. Davor gehörten einige Gebiete, die heute zu Deutschland gehören, zur niederländischen Republik, während Gebiete, die heute niederländisch sind, damals noch zum Reich gehörten. Diese Grenze war aber bis ins 19. Jh. nie eine Kulturgrenze. Nach 1815 gab man auf preußischen Druck hin im preußischen Niederrhein die niederländische Schriftsprache zugunsten des Hochdeutschen auf.
Seitdem bewegt sich das Niederrheinische, vor allem das Südniederfränkische um Düsseldorf, auf das Rheinische zu. In den zum Ruhrgebiet gehörenden Teilen des Niederrheins (Mülheim, Duisburg) wuchs ab Ende des 19.Jhs. der Einfluß des Ruhrdeutschen.
Im 20. Jhs. bewegt sich die Sprache im niederrheinischen Ruhrgebiet immer mehr auf das Ruhrdeutsche zu, bleibt dabei allerdings von diesem zu unterscheiden. Außerdem gibt es auch unter jüngeren Menschen immer noch Sprecher des Niederrheinischen in der Region.
Seit dem 2. Weltkrieg ist die Entwicklung im übrigen Niederrhein ähnlich. Zwar fehlt hier das ruhrdeutsche Element, aber der Gebrauch des Hochdeutschen nimmt zu. Unter der mittleren Generation herrscht heute Hochdeutsch mit (nieder)rheinischem Einfluß und rheinischem Akzent vor, unter der jüngeren bereits Mediendeutsch. Muttersprachler des Niederrheinischen sind auch hier zu einer Minderheit geworden.
Rheinland
Im Rheinland (einschl. Nordeifel) wurde seit der fränkischen Eroberung im 4. Jh. fränkisch gesprochen. Dabei gehörte die Region zu den Gebieten, in denen die hochdeutsche Lautverschiebung nur teilweise durchgeführt wurde. Es entstand der "rheinische Fächer". Das Rheinische weist dabei unter den allen hochdeutschen Dialekten den geringsten Wert an Lautverschiebung auf. Mit seinem Zentrum Köln war es dabei maßgebend für andere Regionen. Auch die nicht-kölnischen rheinischen Dialekte haben sich im Verlauf von Mittelalter und Neuzeit auf das Kölsche zubewegt. Allerdings bewahrte der Aachener Raum innerhalb des Rheinischen Besonderheiten, während im Grenzgebiet zum Westfälischen das Ostbergische entstand, ein stark westfälisch beeinflußter Dialekt, der nicht mehr zum Rheinischen, wohl aber noch zum Fränkischen zu zählen ist.
Im Rheinland blieb das Rheinische (bzw. Ostbergische) bis zum 2. Weltkrieg allgemeine Umgangssprache. Seitdem gehen zunehmend mehr Sprecher zum Hochdeutschen über, vor allem unter Nachkommen von Einwanderern aus anderen Regionen. Das Rheinische bewahrt vor allem durch die deutschlandweit bekannte Karnevalskultur eine Nische, in der es unangreifbar ist. Im übrigen bestehen heute als Umgangssprache hochdeutsch beeinflußtes Rheinisch neben (rheinisch beeinflußtem und) rheinisch artikuliertem Hochdeutsch und Mediendeutsch gleichberechtigt nebeneinander. In den größeren Städten überwiegt das Hochdeutsche (auch aufgrund der bedeutenden Einwanderung in die Wirtschafts-, Politik- und Medienzentren am Rhein). Auch Mediendeutschsprecher haben aber, wenn sie im Rheinland aufgewachsen sind, gewisse rheinische Elemente, die zumindest das geübte Ohr heraushören kann.
Jüngste Entwicklungen/Siegerland/Wittgensteiner Land
1815 fanden sich das Rheinland und Westfalen erstmals in einem gemeinsamen Staat wieder (zusammen mit einer großen Zahl anderer deutscher Großlandschaften), Preußen, allerdings geteilt in die Prov. Rheinland und Westfalen. Dabei fielen auch das moselfränkische Siegerland und das hessische Wittgensteiner Land, die beide bis dahin nichts mit Westfalen zu tun hatten, an die Prov. Westfalen. 1947 wurden die Prov. Westfalen und der Nordteil (der britisch besetzte Teil) der Rheinprovinz zum Land Nordrhein-Westfalen vereinigt; dazu kam noch das bisher selbständige Lippe, das sprachlich-kulturell-historisch zu Westfalen zählt. Beide Teile (und die kleineren peripheren Regionen Niederrhein, Siegerland und Wittgensteiner Land, außerdem Lippe) bewahrten bis in die jüngste Zeit ein regionales Eigenbewußtsein; davon zeugen noch die "Landschaftsverbände" Rheinland und Westfalen-Lippe, die bis heute bestehen. Erst seit dem 21. Jh. ist es normal geworden, seine Herkunftsregion mit "Nordrhein-Westfalen" zu betiteln.
http://www.muelheim-ruhr.de/cms/moelmsch_platt_als_niederfraenkische_mundart1.html.
Rudolf Post (²1992): Pfälzisch. Einführung in eine Sprachlandschaft,
Landau/Pfalz: Pfälzische Verlagsanstalt.
Gabriele M. Knoll (1999): Der Niederrhein: Kultur und Landschaft am unteren Rhein:
Düsseldorf, Neuss, Krefeld, Duisburg, Wesel, Kleve (DuMont Kunstreiseführer),
Köln: DuMont.
K. Heeroma (1964): Stratigrafie van de
Oostnederlandse volkstaal, in: Heeroma, K. en Naarding, J.:
Oostnederlands. Bijdragen tot de geschiedenis en de streektaalkunde van
Oost-Nederland, 's Hertogenbosch.
Ludger Kremer (1983): Mundart im Westmünsterland (Schriftenreihe des Kreises
Borken; 5), Borken: Kreis Borken.
Alfred Metzenroth (p.M.)