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Woj. Niederschlesien (Polen)

Offizielle Amtssprache: Polnisch

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Umgangssprachen seit 1945/1947: Standard-Polnisch/Kresy, ((Schlesisch/Oberlausitzisch/·Hochdeutsch))
Umgangssprachen bis 1945/1947: Schlesisch/Oberlausitzisch/·Hochdeutsch

Allgemeine Umgangssprache ist heute Standard-Polnisch. Die ältere Generation spricht noch Standard-Polnisch mit starkem Substrat des Dialekts ihrer Heimatregion bzw. einen stark standard-polnisch beeinflußten Heimatdialekt. Unter den vor ca. 1940 geborenen ist der Heimatdialekt noch die Muttersprache, den sie aber in "reiner Form" nur selten verwenden. Heimatdialekte sind Dialekte des gesamten vorkriegspolnischen Sprachgebiets: Darunter sind ostpolnische Dialekte (Kresy), aber auch Masowisch, Klein- und Großpolnisch.

Fast alle Einwohner sind Einwanderer oder deren Nachkommen aus der Zeit seit 1945. Die meisten kamen aus den heute ukrainischen und weißrussischen Gegenden Ostpolens; sie kamen aber auch aus anderen Teilen des damals polnischsprachigen Gebiets. Die meisten Einwohner mußten 1945 fliehen oder sind danach vertrieben worden. In der heutigen Wojewodschaft leben nur wenige Vorkriegsbewohner. Sie sprechen ursprünglich schlesische Dialekte, die zu den ostmitteldeutschen Dialekten gehören, teilweise auch Hochdeutsch, als Muttersprache. Im Alltag haben sie aber wenig Gelegenheit, ihre Muttersprache zu benutzen; sie sprechen meist Polnisch. Ihre Kinder sprechen oft nur Polnisch, sonst sind sie zweisprachig. In den Glatzer Bergen gibt es eine mährischsprachige Minderheit.

Von den ostmitteldeutschen Dialekten Schlesiens unterscheidet man (Ost-)Lausitzisch, das im Westen des Landes gesprochen wurde, das Schlesische oder Gebirgsschlesische im größten Teil des Landes, wobei das Glatzische um Glatz herum einige Eigenheiten aufwies (oft nicht unter Gebirgsschlesisch subsumiert wird), sowie das Neiderländische an der Grenze zu "Altpolen". Im Grenzgebiet zwischen Gebirgsschlesisch und Neiderländisch um Breslau herum wurde ein Mischdialekt gesprochen, "Kräutermundart" genannt.

Geschichte Schlesiens

Die Wojewodschaft Niederschlesien umfaßt weite Teile des historischen Niederschlesien. Weitere Teile gehören heute zu Lebus und Oppeln. Hier wird ganz Niederschlesien betrachtet, auch die Teile, die zu den Woj. Lebus und Oppeln gehören. Außerdem wird die Geschichte Oberschlesiens behandelt: Diese Region verteilt sich heute auf die Woj. Oppeln und Schlesien. Der äußerste Westen gehört zur Oberlausitz. Dessen Geschichte wird hier nur angedeutet, die Geschichte der Oberlausitz findet sich unter dem Eintrag zu Sachsen.

Die erste sprachlich bekannte Bevölkerung sind die Kelten, die im 4. Jh.v.Chr. aus Böhmen und Mähren einwanderten. Vorher wurde Schlesien von Vertretern der Lausitzer Kultur bewohnt, deren Sprache wir nicht kennen (sie war sicher nicht slawisch, wie einige polnische Wissenschaftler behaupten). Im 2. Jh.v.Chr. wurden die Kelten von germanischen Stämmen vertrieben. Diese stellten wohl Teilstämme der Wandalen dar. Ab dem 4. Jh. werden alle in Schlesien lebenden Germanen unter den wandalischen Teilstamm der Silinger subsumiert (die erste Quelle für den späteren Namen des Landes). Die Silinger bildeten ein Königreich im heutigen Schlesien. Um 500 verließen fast alle Silinger die Region (die Wandalen zogen später nach Nordafrika). Wenige Jahrzehnte später wurde Schlesien neu besiedelt von aus dem Norden und Osten einwandernden Slawen. In Schlesien siedelten vor allem die Stämme der Dedosizen (Nordwesten), Slensanen (Mittelschlesien; sie übernahmen ihren Stammesnamen wohl von den letzten im Land lebenden Silingern), Opolanen (Südosten) und Golensizen (Süden), später taucht noch der Stamm der Boboranen und Trebowanen auf. Im Laufe der Jahrhunderte wuchsen die Stammessprachen zu Dialektkontinua zusammen; dabei kann man die Dialekte im äußersten Nordwesten wohl dem späteren Sorbischen, südlich der Zinna dem Mährischen, also Tschechischen, im übrigen Land dem Polnischen zuordnen.

Zwischen dem 10.-12. Jh. stand Schlesien unter wechselnder Herrschaft der benachbarten slawischen Großreiche. Im 9. Jh. hatten schon die Golensizen unter der Herrschaft des kurzlebigen Großmährischen Reichs gestanden. Jetzt wechselte die Herrschaft zwischen Böhmen und Polen hin und her. Seit 1138 war Schlesien weitgehend unabhängig, unter einer polnischen Dynastie. Bald darauf zerfiel das Land in immer mehr kleinere Fürstentümer.

Zu dieser Zeit war das Land sehr dünn besiedelt. Seit etwa 1200 wurden Siedler aus dem Hl. Röm. Reich ins Land geholt: Die meisten kamen aus dem heutigen Süd- und Mitteldeutschland, anfangs waren auch Wallonen unter den Siedlern. Diese assimilierten sich schnell an die "Deutschen". Aus dem Ausgleich der verschiedenen mittel- und süddeutschen Dialekte, mit Übermacht durch die fränkischen, bildete sich ein ostmitteldeutschen Kolonialdialektkontinuum, das wir Schlesisch nennen. Es wird oft mit dem Lausitzischen zu einer Groß-Dialektgruppe zusammengefaßt. Im Westen gehörten sie zum (Ober-)Lausitzischen, das Gebiet war Teil der Oberlausitz. Das Schlesische teilt sich in das Gebirgsschlesische oder eigentliche Schlesische in den Hochlagen im Südwesten, das Neiderländische im Nordosten, die Kräutermundart als Übergangsdialekte zwischen beiden, das Glätzische um Glatz, sowie das Brieg-Grottauer Schlesische und das Oberschlesische in Oberschlesien. Schon um 1300 stellten die Deutsch-Schlesier in Niederschlesien die Mehrheit der Bevölkerung.

1335 fielen die letzten Bindungen an Polen (außer den kirchlichen, die bis 1821 bestanden). Schlesien kam unter böhmische Oberhoheit und wurde damit Teil des Hl. Röm. Reichs dt. Nation. Ein Teil des Landes war direkt der Krone unterstellt (so die Gft. Glatz).

Im 15. Jh. fanden sprachliche Ausgleichsprozesse statt. Bisher hatten Slawen und Deutsche in getrennten Siedlungen gelebt, jetzt zogen sie zusammen. Dabei assimilierten sich die Slawen in Niederschlesien an das (Deutsch-)Schlesische, die Deutsch-Schlesier in Oberschlesien an das (Polnisch-)Schlesische. Niederschlesien war um 1650 bis auf polnisch-schlesische Sprachinseln um Grünberg, Deutsch-Wartenberg, Kanth, Strehlen, Ohlau, Trachtenberg und Trebnitz vollständig germanisiert. Oberschlesien war schon um 1550 vollständig polonisiert, bis auf deutsch-schlesische Sprachinseln um Katscher, Kostenthal und Gleiwitz. Weitgehend deutschsprachig waren auch die Städte Katscher und Bielitz, deutsche Minderheiten hatten Oppeln, Ratibor und Oberglogau. Die Stadt Gleiwitz war hauptsächlich polnischsprachig. Östlich des Zinna, einer Linie Falkenberg, Friedland, Neustadt, Oberglogau und Jägerndorf waren die Dialekt eher mährisch als polnisch.

1457 wurde Auschwitz an Polen abgetreten, Sagan war 1472-1549 lausitzisch. Mit Böhmen wurden die schlesischen Lande 1526 habsburgisch. Gleichzeitig setzte sich im überwiegenden Teil das Luthertum durch. Diese verstärkte die Germanisierung Niederschlesiens. Hochdeutsch wurde Schriftsprache.

1741-1763 fiel fast ganz Schlesien (zumindest der Teil, der heute zu Polen gehört) an Preußen. Weitere Siedler aus West- und Mitteldeutschland kamen ins Land. Die polnischen Sprachinseln in Niederschlesien assimilierten sich (?). 1815 fiel ein Teil der Oberlausitz an Preußen und wurde der Prov. Schlesien angegliedert; dazu gehörte auch ein Teil, der heute zu Sachsen gehört. Im 19. Jh. kamen dank der Industrialisierung weitere Siedler aus dem Westen. Sie machten Ende des Jhs. die Mehrheit der Bevölkerung aus, assimilierten sich sprachlich jedoch ans Deutsch-Schlesische. Sie brachten aber auch das Deutsch-Schlesische wieder nach Oberschlesien. Ende des Jhs. war nur noch Ost-Oberschlesiens überwiegend polnisch-schlesisch-sprachig, in ganz Oberschlesien machten die Slawen nur noch etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung aus. Allerdings überwog der katholische Glaube mit knapp 90%, während in Niederschlesien 57% evangelisch waren. Seit Mitte des 19. Jhs. konkurrierte unter den Polnisch-Schlesisch-Sprechern das Standard-Polnische als Schriftsprache mit dem Hochdeutschen.

1921 wurde Oberschlesien geteilt. Der überwiegend polnisch-schlesisch-sprachige Teil wurde als "Aut. Woj. Oberschlesien" Teil der Rep. Polen, der inzwischen überwiegend deutsch-schlesisch-sprachige Teil blieb bei Preußen/Deutschland. Gleichzeitig wurde Schlesien in eine Prov. Niederschlesien und eine Prov. Oberschlesien geteilt. Auch Teile Niederschlesiens, Teile der Lkr. Militsch, Guhrau, Groß-Wartenberg und Namslau, wurden polnisch. In ihnen waren etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung polnischsprachig. Das Hultschiner Ländchen fiel an die Tschechoslowakei.

Im polnischen Teil Oberschlesiens waren 34% der Bevölkerung deutschsprachig. Viele verließen die Region, so daß bald darauf die Deutschsprachigen nur noch etwa 10% der Bevölkerung stellten.

1938 wurden Ober- und Niederschlesien wieder zur Prov. Schlesien vereinigt und um das Hultschiner Ländchen und Teile Posen-Westpreußens vergrößert. 1939 wurde Polen von Deutschland besetzt. Ostoberschlesien und Teile Kleinpolens (?) wurden der Prov. angegliedert. 1941 wurde das vergrößerte Schlesien wieder in Nieder- und Oberschlesien geteilt. Wolhynien- und Buchenlanddeutsche wurden angesiedelt, vor allem in den neu angegliederten Gebieten.

1945 besetzte Polen ganz Schlesien und annektierte es. Die Mehrheit der deutschsprachigen Bevölkerung und Teile der polnischsprachigen waren in den letzten Kriegstagen nach Westen geflohen (viele kehrten aber nach Ende des Krieges zurück). In den darauffolgenden Monaten wanderten je zur Hälfte Polen aus Mittelpolen und dem an die Sowjetunion gefallenen Ostpolen ein. Sie bildeten zunächst nur eine kleine Minderheit. Bis 1947 wurde aber die Mehrheit der verbliebenen Deutsch-Schlesier in Niederschlesien nach Deutschland vertrieben; weniger als 10% waren 1950 noch im Land. Die Mehrheit zog in die Westzonen, eine Minderheit in die sowjetische Zone. Viele siedelten auch noch in den folgenden Jahrzehnten nach Westdeutschland um. In Oberschlesien wurde nur die Hälfte der Bevölkerung ausgesiedelt. Viele sind aber in den Jahrzehnten nach dem Krieg nach Westdeutschland ausgewandert. In der Folge wanderten weitere Polen ein. Als Umgangssprache etablierte sich in Niederschlesien und den ehem. deutschsprachigen Teilen Oberschlesiens das Standard-Polnische. Eine Minderheit der Älteren hat bis heute die ostpolnischen Kresy-Dialekte bewahrt. In der Woj. Niederschlesien verblieb nur eine verschwindende Minderheit von Deutschsprachigen. Sie übernahmen im Alltag das Standard-Polnische und haben seit 1947 nur noch wenig Gelegenheit, Deutsch-Schlesisch zu sprechen. Bis 1990 war der Gebrauch der Sprache verboten. Sie sprachen mit ihren Kindern daher meist ebenfalls Standard-Polnisch. In den Woj. Oppeln und Schlesien verblieben mehr Deutschsprachige, etwa 600.000, ca. ein Achtel der Bevölkerung; viele von ihnen sind aber seit den 90er Jahren ausgewandert, 2002 machten sie offiziell noch 150.000 Menschen aus. Sie gaben die Sprache heimlich an ihre Kinder weiter, obwohl sie auch hier verboten war. Die polnisch-schlesische Bevölkerung in Oberschlesien hat ihre Sprache bis heute bewahrt. In West-Oberschlesien konkurrieren die Dialekte heute mit dem Standard-Polnischen (?), nach Ost-Oberschlesien sind, mit Ausnahme der Bergbauregionen, aber nur wenige Polen aus anderen Regionen eingewandert und Polnisch-Schlesisch ist bis heute vorherrschende Umgangssprache geblieben.

Kerstin und André Micklitza (2005): Die Lausitz entdecken. Unterwegs zwischen Spreewald und Zittauer Gebirge (Trescher Reihe Reisen), Berlin: Trescher.
Wikipedia.
Reinhold Vetter (1992): Schlesien: deutsche und polnische Kulturtraditionen in iner europäischen Grenzregion (DuMont-Kunst-Reiseführer), Köln: DuMont.
poln.-schlesische Studentin (p.M.)
http://www.niederschlesien.info/.
Jan Mazur (1993): Geschichte der polnischen Sprache (Europäische Hochschulschriften: Reihe 16, Slawische Sprachen und Literaturen; 44), Frankfurt/Main; Berlin; Bern; New York; Paris; Wien: Peter Lang.
Irene Rohfleisch (2002): Sprachsituation und Sprachverhalten in Tielen des heutigen Oberschlesiens, Berlin: dissertation.de.