)Offizielle Amtssprache: Estnisch
Umgangssprachen: Estnisch, Ugaunisch, Russisch, [Schwedisch, Deutsch, [Ostniederdeutsch]]
Kaum einer der 25% Russen, die noch im Land leben, lernt gern Estnisch. Sie werden aber zunehmend dazu gezwungen. Fehlende Sprachkenntnisse schließen sie auch von der estnischen Staatsbürgerschaft aus, die nach 1991 nur diejenigen erhielten, deren Vorfahren 1940 bereits im Land lebten. Die meisten Russen sind nach 1945 ins Land gekommen, ebenso wie die Ukrainer (2%) und Weißrussen (1,2%), die auch meist Russisch sprechen. Daher ist Verkehrssprache zwischen Unbekannten immer noch hauptsächlich Russisch, da alle Esten Russisch können, aber bei weitem nicht alle Russischsprecher Estnisch. Es gibt auch eine finnische Minderheit (0,8%); sie sprechen meist Finnisch oder Estnisch. Für Esten ist Finnisch gut verständlich. Vor allem zu sowjetischer Zeit war das finnische Fernsehen marktführend in Estland.
Die Esten, die Mehrheit der Bevölkerung, sprechen estnische Dialekte, in den Städten auch Standard-Estnisch. Im Südosten wird Ugaunisch gesprochen, auch Südestnisch genannt. Südestnisch wird oft zu den estnischen Dialekten gezählt, unterscheidet sich aber von diesem. Vor allem der Võru-Dialekt des Ugaunischen/Südestnischen bewahrt jedoch seinen ugaunischen Charakter. Er wird auch seit dem 19. Jh. als Schriftsprache gebraucht. Seit 1990 wird er wieder stärker gefördert. Daher wird teilweise auch nur der Võru-Dialekt als Sprache dem Estnischen (das sich dann wieder in Nord- und Südestnisch teilen soll) gegenübergestellt. Allerdings nähern sich die meisten Dialekte, so der von Tartu, dem Estnischen an; dadurch wird der Eindruck, es handle sich um estnische Dialekte, verstärkt. Daher kann man vielleicht sagen, daß in Tartu und und Mulgi auf ugaunischem Substrat neue estnische Dialekte entstanden sind. Neben dem Võru hat auch das Setu seinen ugaunischen Charakter bewahrt.
Vielleicht seit der Zeitenwende war Estland von finnischen Völkern besiedelt. In Estland waren die Völker vor allem die Esten und die Ugaunen. Die Esten wurden im 8. Jh. zum ersten Mal erwähnt. Im 13. Jh. wurde der Norden des heutigen Estlands von den Dänen erobert und christianisiert. Der größere Teil des heutigen Landes im Süden kam im gleichen Jahrhundert unter die Herrschaft des Schwertbrüderordens. Diese zählten den erstnischen und ugaunischen Teil ihres Herrschaftsgebiet zu Livland. Als Teil Livlands galt Süd-Estland bis 1918, als die lettischsprachigen Gebiete im Süden abgetrennt wurden und zu Lettland kamen, während "Estland" und der estnisch- und ugaunischsprachige Teil Livlands zum Staat Estland vereinigt wurden.
Der Schwertbrüderorden wurde vom Deutschen Orden abgelöst. Unter der Ordensherrschaft wanderten Deutsche ein, vornehmlich aus Norddeutschland. Diese Deutschbalten bildeten von da an bis 1918 die Oberschicht im Land. Sie bildeten auch über Jahrhunderte die Mehrheit der Bevölkerung in den Städten. Sie sprachen zunächst Mittelniederdeutsch, wahrscheinlich einen dem Lübischen ähnlichen Dialekt. Den lübischen Dialekt, der im Ostseeraum damals den Rang einer Standardsprache hatte, nutzten sie als Schriftsprache. Seit dem 17. Jh. gingen sie zum Hochdeutschen als Schriftsprache über. Im 19. Jh. fand auch in der Umgangssprache ein Sprachwechsel zum Hochdeutschen statt.
Das dänische Estland wurde 1346 an den Deutschen Orden verkauft. Ab dem Ende des 13. Jhs. wanderten Schweden nach Estland ein, vornehmlich auf die Inseln, aber auch an die West- und Nordwestküste sowie nach Tallinn/Reval.
1561 fiel Livland an Polen, "Estland" an Schweden. 1629 fiel auch der übrige heute estnische Teil Livlands an Schweden. 1721 fiel das ganze Baltikum an Rußland. Sprachliche Auswirkungen hatten diese Wechsel in der Herrschaft kaum, lediglich Ende des 19. Jhs. gab es einen Versuch einer Russifizierungspolitik.
Seit dem 19. Jh. stieg der Anteil der Esten in den Städten. Der Estnisierungstrend der Städte verstärkte sich, als Estland 1918 unabhängig wurde. Die deutschsprachige Oberschicht und die übrigen Deutschsprachigen wurden 1940 ausgesiedelt, als Estland an die Sowjetunion fiel, meist in die kurz zuvor von der deutschen Wehrmacht eroberten und dann annektierten polnischen Gebiete (Warthegau). Nach dem Krieg übersiedelte auch die schwedische Minderheit nach Schweden.
Während der sowjetischen Herrschaft, in der Estland offiziell die Estnische SSR bildete, fand eine sehr erfolgreiche Russifizierungspolitik statt. Wichtige Grundlage war ein Bevölkerungsaustausch. Esten wurden deportiert, vor allem wanderten aber sehr viele Russen ein. Esten wurden in weiten Teilen zu einer kleinen Minderheit. Estnisch hatte teilweise nur noch den Charakter einer Haussprache, die im Familienkreis benutzt werden konnte. Russisch wurde auch wichtigste Schriftsprache im Land. 1992 wurde Estland wieder unabhängig. Einige Russen verließen das Land. Heute sind noch knapp 30% der Bevölkerung russischsprachig. Sie leben vor allem in den Städten und im (Nord-)Osten des Landes. In Städten wie Narva sind Esten bis heute nur eine kleine Minderheit. Dadurch hat sich in den Städten Russisch als lingua franca bis heute halten können, trotz der Estonisierungsbemühungen der Regierung. Die Russischsprachigen sind heute angehalten, Estnisch zu lernen.
Mit der Reformation begann zaghaft estnisches Schrifttum; erst sie christianisierte die Esten vollständig. Die estnische Literatur blieb aber bis 1918 gegenüber dem deutschsprachigen Schrifttum unbedeutend.
Klemens Ludwig (1999). Estland (Beck'sche Reihe; 881: Länder),
München: Beck.
Wikipedia.