Offizielle Amtssprache: Serbisch, Kroatisch, Bosnisch
Umgangssprachen: Štokawisch, Roma, [Judezmo]
[Die dunklen Flächen sind die Regionen der Serbischen Republik
in Bosnien-Herzegowina, die hellen gehören zur Föderation von
Bosnien-Herzegowina. In Blau ist der Brčko-Distrikt, der der Zentralregierung
unterstellt ist.]
Die Umgangssprache in Bosnien ist traditionell Štokawisch, ursprünglich vor allem in seiner bosnischen Variante. Seit dem Ende Jugoslawiens nähern sich die Katholiken/Kroaten eher dem kroatischen Standard an, erreichen ihn aber vor allem in der Phraseologie nicht immer, da ihre Vorfahren eher in der osmanischen Tradition aufgewachsen sind. Das Kroatische hat aber für viele Fremdwörter neue Wörter gebildet, die jetzt auch die bosnischen Kroaten verwenden. Die Muslime haben den bosnischen Standard wiederentdeckt und pflegen ihn jetzt. Sie benutzen das lateinische Alphabet. Da viele von Stadtbewohner sind und die Nachkommen des "Bildungsbürgertums" der osmanischen Zeit, ist ihre Sprache traditionell nahe an der Schriftsprache. Die Serben benutzen jetzt das kyrillische Alphabet und orientieren sich in der Schriftsprache seit den 90er Jahren an der serbischen Schriftsprache. Sie sprechen aber den ijekawischen Dialekt, während in Serbien das Ekawische vorherrscht.
Die Štokawischsprecher gelten heute als die drei konstitutiven Völker Bosnien-Herzegowinas. Durch den Krieg in den 90er Jahren hat es Bevölkerungsverschiebungen gegeben, die dazu führten, daß die heutigen Grenzen zwischen der Serbischen Republik in Bosnien und der Kroatisch-Bosnischen Föderation auch der Bevölkerungsverteilung entsprechen. Im Norden der Föderation leben hauptsächlich Bosniaken, in der Herzegowina Kroaten, in der Serbischen Republik Serben. Vornehmlich bosnisch ist auch der Brčko-Bezirk, der direkt dem Gesamtstaat untersteht.
Neben Štokawischsprechern gibt es eine Roma-sprechende Minderheit, die seit dem Mittelalter, vielleicht seit dem frühen Mittelalter, in Bosnien-Herzegowina wohnt. Sie hatten früher engen Kontakt mit den Wlachen und haben daher in ihren Roma-Dialekt viele wlachische Wörter übernommen. Viele assimilierten sich im Laufe der Jahrhunderte an die stokawische Mehrheitskultur, in der einen oder der anderen Religion. Juden lebten seit dem 16. Jh. in Bosnien-Herzegowina, vor allem in den Städten. Sie waren aus anderen Teilen des Osmanischen Reiches hierhin weitergezogen. Ihre Sprache war und ist das Judezmo. Die überwiegende Mehrheit von ihnen wurde aber Opfer des Holocaust, die Überlebenden wanderten meist nach Israel aus.
Die ersten Siedler der Region, von denen wir wissen, sind Illyrer und Keltillyrer, ein Mischvolk aus Kelten und Illyrern. Diese wurde im Verlauf der römischen Herrschaft wohl vollständig romanisiert. In der Völkerwanderungszeit zogen mehrere Völker durch das Land. Am bedeutendsten waren die Slawen, die im 6. Jh. kamen. Zwei Stämme siedelten sich vor allem im heutigen Bosnien-Herzegowina an, die Serben und Kroaten. Beide waren parallel gewandert, und beide hatten wohl eine slawisierte iranische Herrscherschicht. Im Laufe des frühen Mittelalters assimilierten die Slawen alle übrigen Bewohner der Region, so daß im Hochmittelalter Bosnien-Herzegowina rein slawischsprachig war. Beim Schisma gehörte das Land zur römischen Kirche. Die Grenzlage zum orthodoxen Bereich war jedoch spürbar, z.B. in dem Umstand, daß viele orthodoxe Riten gebraucht wurden. Auch war die katholische Kirchenorganisation meistens recht schwach. Aus diesen Gründen bildete sich allmählich eine eigene bosnische Kirche heraus. Erst kurz vor der türkischen Eroberung gelang der römischen Kirche die weitgehende Zerschlagung der bosnischen Kirche. Schriftsprache war in allen Bereichen meist Slawisch. Es war eine besondere Form der kyrillischen Schrift, die bosnische Schrift, in Gebrauch, stellenweise auch die glagolitische Schrift. Ein Teil Bosnien-Herzegowinas war zeitweise ungarisch, ein anderer stand mit der Rep. Regusa (Dubrovnik) in Verbindung, vor allem die Herzegowina. Hier spielte auch das Lateinische (und die römische Kirche) eine Rolle. In den letzten Jahrhunderten vor der osmanischen Eroberung wanderten Siedler ins Land, vornehmlich als Bergleute. Die meisten waren deutscher Herkunft und assimilierten sich schnell.
1468 fiel Bosnien-Herzegowina an das Osmanische Reich. Relativ schnell (wohl auch wegen der schwachen Position von Amtskirchen und der Konkurrenz von Katholiken und Orthodoxen) trat ein großer Teil der Bevölkerung zum Islam über. In der osmanischen Zeit bildeten die Muslime die hauptsächliche Bildungsschicht. Sie nutzten hauptsächlich Persisch, Osmanisch und Arabisch als Schriftsprachen. Es gab aber auch Literatur in bosnischer Sprache in arabischer Schrift; auch die bosnische kyrillische Schrift blieb weithin in Gebrauch. Umgangssprache blieb aber Slawisch, es gab auch kaum Einwanderung von Türken wie in anderen Teilen des Reiches. In der Herzegowina blieb die katholische Kirche stark.
In den zahlreichen Kriegen zwischen dem Osmanischen und dem habsburgischen Reich gab es mehrere Bevölkerungsverschiebungen, teilweise auch durch Seuchen. Mehrere Regionen wurden entvölkert und durch Einwanderer aus anderen Teilen des Reiches aufgefüllt. Im Grenzgebiet zu Habsburg wurden "Wehr-"Hirten angesiedelt. Die Einwanderer kamen vor allem aus Serbien. Während trotz orthodoxer Einflüsse die orthodoxe Kirche vorher keine Rolle in Bosnien gespielt hatte, entstand durch die Einwanderer eine orthodoxe Minderheit. Ein großer Teil der Einwanderer waren keine Serben, sondern Wlachen, d.s. die Nachkommen der einst romanisierten Illyrer, die nicht slawisiert worden waren, sondern sich in abgelegene (Berg-)Regionen geflüchtet hatten und meist Hirten waren. Die Wlachen assimilierten sich allerdings in Bosnien im Laufe der weiteren Jahrhunderte den Slawen. Ihre Nachkommen machen einen wichtigen Teil der sich heute als Serben in Bosnien auffassenden Bevölkerungsgruppe aus. Das Wlachische starb wohl weitgehend im 18. Jh. aus, allerdings wird noch für 1985 von Hirten berichtet, die noch wlachische Zahlwörter verwendeten.
Ab dem 19. Jh. werden in Bosnien die Orthodoxen Serben, die Katholiken Kroaten genannt. Die muslimischen Bosnier hießen zunächst weiter Muslime, seit dem 20. Jh. werden sie Bosniaken genannt. Tito erklärte sie zu einem eigenen Volk. In der Mitte des 19. Jhs. wurde für alle auf der Grundlage eines zentralbosnischen Dialekts eine standardisierte Schriftsprache geschaffen. Dabei entwickelten sich Besonderheiten vor allem im Wortschatz für die drei Religionsgemeinschaften, die schließlich in voneinander unabhängigen Standards gipfelten. Diese sind aber außerhalb Bosniens prononzierter. In Kroatien sind sie zu einem Großteil auf die westliche Prägung zurückzuführen, daher geht das Kroatische vor allem in der Phraseologie eigene Wege. Während der Zeit Jugoslawiens (1919-1991, bis 1929 als "Königreich SHS") wurden die Unterschiede tendentiell eher nivelliert. Die Varianten Serbisch und Kroatisch blieben bestehen, einige Besonderheiten glichen sich aber einander an. Die Variante Bosnisch geriet in dieser Zeit fast völlig in Vergessenheit.
1991 erklärte Bosnien und Herzegowina seine Unabhängigkeit. Es folgte ein Krieg zwischen Kroaten, Serben und Bosniern, der bis 1995 dauerte und neben dem Verlust an Menschenleben auch zu großen Bevölkerungsverschiebungen führte. Nach dem Krieg wurden Serben, Kroaten und Bosniern Siedlungsgebiete zugewiesen. Es entstand eine föderative Republik, die aus zwei Teilstaaten besteht: einem serbischen und einem bosnisch-kroatischen. Seit dieser Zeit orientieren sich Kroaten am kroatischen Standard und Serben am serbischen, während die Bosnier längst vergessene Wörter des früheren bosnischen Standards wieder hervorholten und damit einen eigenen bosnischen Standard schufen. Die drei Standards gelten heute als drei Einzelsprachen: Kroatisch, Serbisch und Bosnisch. Serbisch wird mit kyrillischen Buchstaben geschrieben, Kroatisch und Bosnisch mit lateinischen.